Geschichte

Kurze Geschichte der Nikolaikirche Zeitz

1147 – Vom Fehdeplatz zur Dorfkirche

Die Ursprünge der Nikolaikirche reichen zurück bis in das Jahr 1147, als der Bau erstmals urkundlich als Nicolaikirche erwähnt wird. Der Vorgängerbau am Nicolaiplatz soll um 1090 ein denkbar unrühmliches Ende gefunden haben: Wiprecht von Groitzsch ließ ihn niederbrennen, weil sich sein Erzfeind Hageno von Tubichin mit seinen Anhängern darin verschanzt hatte – Kirchenasyl hin oder her. 1385 brannte auch der Nachfolgebau ab, und erst 1588 ließ Nicolaus von Zangenberg eine neue, eher schlichte Dorfkirche errichten

1823 – Ein Postmeister mit Platzbedarf

1823 war auch damit Schluss: Die Kirche wurde wegen angeblicher Baufälligkeit abgerissen, doch eine hartnäckige Zeitzer Legende erzählt eine andere Geschichte – angeblich brauchte der örtliche Postmeister das Grundstück dringend zum Wenden seiner Kutschen. Zeitz war damals die südlichste Zoll- und Poststation der preußischen Provinz Sachsen, entsprechend groß der Verkehr. Ob nun Baufälligkeit oder Bürokratie den Ausschlag gaben: Die Nikolaigemeinde musste fortan in der Schlosskirche St. Trinitatis der Moritzburg Gottesdienst feiern – was zu Spannungen führte, denn diese Kirche wurde ebenfalls von den Insassen der dort untergebrachten Korrektions- und Erziehungsanstalt genutzt.

1891 – Neubau in Rekordzeit

Am 15. Februar 1888 fiel nach zähen Verhandlungen mit der Provinzregierung endlich der Beschluss, der Gemeinde eine neue Kirche zu bauen. Was folgte, war für Kirchenbau-Verhältnisse geradezu rasant: Keine vier Jahre später, am 18. Dezember 1891, weihte man die von Karl Memminger geplante neue Nikolaikirche ein – einen Klinkerbau im neugotischen Stil mit markantem Drei-Konchen- bzw. Kleeblatt-Chor, filigranen Kreuzrippengewölben und einem schlanken Turm mit oktogonaler Turmnadel. Platz war für 600 bis 700 Gläubige, ganz im Optimismus der Gründerzeit, als Zeitz kräftig wuchs.

1980 – Vom Gotteshaus zur Ruine

Der Optimismus währte nicht ewig, denn in den 1960er- und 70er-Jahren war die Kirche für die schrumpfende Gemeinde viel zu groß und das Geld für dringend notwendige Reparaturen fehlte. Am 29. Februar 1980 beschloss deshalb die Gemeinde, die Kirche aufzugeben und sie wurde entwidmet; 1987 ging das Grundstück per Eigentumsverzicht an den Rat des Kreises Zeitz über. Es folgte ein jahrzehntelanger Niedergang: Alles Verwertbare wurde gestohlen oder zerstört, die Ruine avancierte zum Hotspot für Graffiti-Künstler und Lost-Place-Touristen. 1998 schlug ein Blitz in den Turm ein und löste einen Dachbrand aus, 2006 stürzte die Turmspitze komplett ein und riss große Teile des Daches mit sich.

2023 – Ein Birkenwald auf dem Dach

Als 2023 – 17 Jahre später – neue Eigentümer die Kirche erwarben, glaubte kaum noch jemand an eine Zukunft für das Gebäude, denn es war in einem dramatischen Zustand: das Dach über dem Hauptschiff war komplett eingestürzt, auf dem Trümmerchaos aus Dachstuhl und Schieferplatten wuchs mit bis zu 15 Meter hohen Birken ein regelrechter Wald. Das Gebäude selbst war großflächig von Efeu bewachsen und das Gelände ringsum von jungen Ahornbäumen förmlich zugewuchert. Von der einst filigranen Bleiverglasung waren nur noch rund 20 Prozent erhalten geblieben und die Witterung hatte durch die zerstörten Fenster die Sandsteinlaibungen stark ausgewaschen. Die Kreuzrippengewölbe trugen durch den Turmeinsturz schwerste Schäden davon: ein großes Loch, ein eingedrücktes Teilgewölbe, ein doppelter Rippenbruch über der Südkonche.

Doch bei der Bestandsaufnahme gab es auch eine positive Überraschung, denn das Außenmauerwerk erwies sich als stabiler als angegeben. Jahrzehntelang hatte es zwar von den Verantwortlichen geheißen, das Gebäude habe schlechte Fundamente und sei einsturzgefährdet – vielleicht eine bequeme Begründung für den Plan, es aufzugeben und das Grundstück einer neuen Nutzung zuzuführen, jedoch zeigten im Kirchenbauarchiv Magdeburg gefundene Originalpläne bis zu vier Meter tiefe, kräftige Fundamente, und Lasermessungen ergaben Abweichungen von gerade einmal drei Zentimetern auf zehn Metern. Die Kirche stand und steht also deutlich sicherer da, als ihr jahrzehntelanger Ruf vermuten ließ.

Sicher und trocken für die nächsten 200 Jahre

So lautet das erklärte Ziel der laufenden Sanierung. Künftig soll die Nikolaikirche als Veranstaltungsraum für rund 200 Personen dienen, ergänzt um ein Literatur-Café und einen Biergarten; mittelfristig sind sogar sieben Gästezimmer und ein Tagungsraum im Dachgeschoss denkbar. Mit dem Denkmalschutz abgestimmt ist dabei eines: Der morbide Charme der Ruine soll erhalten bleiben – kein steriles Wiederaufbau-Museum. Deshalb wurden Bäume gerodet, Dachstuhlreste und Schutt entfernt, nicht-historische Zwischenwände abgetragen und Dach, Fenster und der Fußboden erneuert. Nach fast 900 Jahren wechselvoller Geschichte beginnt die Nikolaikirche nunmehr ein neues, für Kirchen reichlich ungewöhnliches Kapitel.